vielleicht habe ich irgendwann einmal wieder Lust und Zeit, das Erlebte in ein Gedicht zu pressen, aber derzeit fehlt mir dafür die Kraft. Wir schreiben den zweiten Silvaunustag im Eleint, 1489 talisischer Zeitrechnung.
Wieder einmal stülpte sich die zwanzig Fuß große Kuppel über uns. Zwanzig Fuß wohlige Wärme. Zwanzig Fuß Stille. Zwanzig Fuß Sicherheit. Halin war schon längst in das Reich der Träume übergegangen. Wen wundert`s? Hat ihn doch diese abscheuliche Kreatur mit dem Ziegenkopf am schwersten verletzt. Schwarze Ränder säumten die Wunde und Eiter trat aus ihr heraus. Was war das nur für ein Wesen? Und welche Absichten mag es gehabt haben? „Dieses Wesen kann nicht aus Faerun stammen“. Elizas Stimme schnitt wie ein klarer Glockenklang an einem viel zu späten Abend durch die bedrückende Stille. „Sie muss eine der Älteren sein. Aus dem fernen Reich“. Eine der Älteren? Aus einem fernen Reich? Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was das bedeuten soll, aber es klang nicht gut. Still nickte ich ihr zu, als wüsste ich, was das bedeuten würde. Die anderen taten es mir gleich, obwohl in ihren Blicken zu sehen war, dass sie ebenso wenig verstanden wie ich. Die Lady stand auf und drückte die Tür des düsteren Turms mit ihrer magischen Hand zu. Der Rest legte sich schlafen und ich saß dort, allein im Schein des Feuers. Lieder schreiben sollte ich über die vollbrachten Taten. Lieder über den Heldenmut jener, die sich gegen all das Übel stellen, um die Schwertküste, oder ganz Faerun zu beschützen. Doch meine Augen waren schwer wie mein Gemüt und so fiel auch ich in einen unruhigen Schlaf. Als ich wieder erwachte, war Wilfinas bereits mitten in einem Ritual. Ich kannte es schon. Es war die Vorbereitung darauf, dass wir, ohne Boot, aber auch ohne zu ertrinken, halbwegs sicher an das Festland zurückkehren könnten. Zumindest war die Wahrscheinlichkeit so höher, die „Überfahrt“ zu überleben. Doch noch konnten wir nicht gehen. Waren wir nicht gekommen, um das Leuchtfeuer zu entzünden? Um die armen Seefahrerseelen vor der Havarie zu bewahren? Um etwas Licht in`s Dunkel zu bringen? Auch Halin wachte auf. Seine Verletzung sah nicht gut aus, aber egal, was wir versuchten – seine Wunde wollte nicht heilen. Aber wenigstens schien sich der dunkle Wundbrand nicht auszuweiten. Die Kuppel löste sich auf. Das Meer war nicht so eisig wie am Vortag, die Temperatur angenehmer. Der stinkende, gallertartige Überrest von dem, was einst Shub-Niggurath war, lag vor uns. Widerlich, kalt, flüssig… Moment. Flüssig? War es dafür nicht ein wenig zu kalt? Kaum hatte ich diesen Gedanken ausgedacht, breitete Eliza ihre Hände über der riesigen Leiche aus, nur um sie dann kurz darauf kopfschüttelnd wieder sinken zu lassen. „Ich kann hier keine Magie spüren“. Ich wandte mich angewidert ab, als Wilfinas anfing, die Überreste fachgerecht zu zerlegen. Ich bin mir nicht sicher, ob er dazu in der Lage ist, Spaß zu empfinden, aber wenn doch, hat er ihn gehabt. „Interessant“. Wilfinas hielt ein kugelförmiges Organ in der Hand. Seine Kälte spürte ich, obwohl ich mindestens 30 Fuß entfernt stand. Die des Organs, nicht die des Halbelfen. Obwohl… Vorsichtig wurde das Körperteil eingewickelt und in die astrale Zwischenebene meiner magischen Tasche gepackt. Großartig. Jetzt liegt dort, neben dem Auge eines Seeungeheuers, das immer weiß, wo es sich befindet, auch noch ein frostiges Organ einer „Älteren“, die nicht aus dieser Welt stammt. Die Bedenken einfach beiseite schütteln! Alles verdrängen! Konzentrieren! Langsam wird das zur Gewohnheit. Also weiter machen. Immerhin wartete immer noch die eigentliche Aufgabe. Ein Leuchtfeuer entzünden. Wie schwer konnte das eigentlich sein? Das dachte auch Eliza, trat an den maroden Turm heran, blickte nach oben, sprach ein paar Worte und kletterte spinnengleich hinauf. Wilfinas tat es ihr gleich. Nicht nur spinnenhaft, sondern wahrhaftig als Spinne. Als Eliza an der Spitze ankam, überkam sie schlagartig eine beißende Kälte. Auch wir spürten sie, obwohl wir nicht einmal in unmittelbarer Nähe waren. Trotzdem öffnete Sie die Tür, hinter der sich der Drehmechanismus des Leuchtfeuers befand. Ein kurzer Schrei von oben. „Spring Eliza!“ tönte es von unten. Sie versuchte es auch, doch sie rutschte aus und konnte sich gerade noch am Rand des Turmes festhalten. Eine schimmernde Kreatur wollte sie gerade ins Jenseits befördern, als Wilfinas diese beherzt biss und anschließend den Turm gen Boden herabkrabbelte. Ich schickte einen schaurigen Strahl dahin, wo ich den Schemen der Kreatur mehr erahnte als sah und ich schien getroffen zu haben, denn die Kälte nahm sofort spürbar ab. Die Magierin zog sich mit aller Kraft über den Turmrand und sprach einige magische Worte, die tatsächlich das Leuchtfeuer im Inneren wieder entzündeten. Doch leider richteten die Spiegel den hellen Strahl direkt auf das Festland und der Drehmechanismus war weiterhin funktionsuntüchtig. So konnte das nicht bleiben! Auf dem Weg nach unten erhaschte sie noch einige Einblicke durch die Fenster. Eine verwüstete Küche, Quartiere. Nichts weltbewegend Beunruhigendes. Also durch den Turm hinauf. „Irgendwann muss das Ganze ja mal ein Ende haben!“ In der Küche angekommen, flog uns ein Stuhl um die Ohren. Halin entbrannte ein Feenfeuer. Eine Kreatur leuchtete hell auf, aber von ihr kam der Stuhl nicht. Trotzdem lief ich auf die Kreatur zu und beharkte sie mit meinem Schwert. Als Dank schenkte sie mir ordentlich ein. Auch Halin griff an, traf amtlich, zog sich aber sofort wieder zurück. Elizas Hände entsandten einen Strahl aus Feuer. Ein Spinnennetzt flog an uns vorbei. Fast im selben Moment flog auch Eliza, doch leider nicht vorbei, denn sie traf mich voller Wucht. Niemals würde ich eine Dame auf ihr Gewicht ansprechen, aber für einen des kleinen Volkes hatte sie definitiv zu viel. Ein weiteres Feenfeuer ließ eine zweite Kreatur aufleuchten. Ein paar Schwerthiebe und magische Geschosse später lösten sich beide im Nichts auf. Wir stiegen zu den Quartieren hinauf. Eliza blickte sich erstaunt um: „Das sah von außen ganz anders aus?!“. Wir ignorierten die Tatsache, dass hier immer noch etwas gewaltig nicht stimmte und gingen eine weitere Treppe hinauf. Endlich der Raum mit dem defekten Mechanismus. Halin erkannte sofort das Problem. Das Kontergewicht stand sinnfrei herum. Wilfinas hängte es mit aller Kraft an die dafür vorgesehene Kette. Langsam, aber stetig, senkte es sich eine Öffnung hinab und der Drehmechanismus kam in Gang. Die Spiegel um das Leuchtfeuer drehten sich und mit ihnen der helle Strahl, den Elizas Feuer aussandte. Elizas Blicke richteten sich auf die Apparatur. „Es wird maximal vier Stunden dauern, bis das Gewicht unten ankommt und der Mechanismus zum Erliegen kommt. Irgendwer muss das Gewicht dann mittels der Kurbel wieder hinaufziehen. Wir brauchen einen Wärter!“ Und da keiner von uns hier bleiben wollte, opferte Halin Karotte, baute ihn um und setzte ihn als neuen Leuchtturmwärter so lange ein, bis wir einen neuen Wächter fänden. Der Rest kam mir eher wie ein Traum vor. Eliza beschwor eine schwebende Scheibe, Wilfinas verwandelte sich in einen Wal und zog uns zum Festland, wo wir einladend in eine warme Hütte gerufen wurden…